Die Erklärschiene, aus der ich immer noch aussteigen muss


Teil 3 einer Serie über das Lernen von Delegation


In Teil 2 habe ich beschrieben, wie ich in meiner ersten Führungsrolle unter dem Deckmantel von Einsatz und Verlässlichkeit eigentlich das Gegenteil von Delegieren praktiziert habe. Seitdem sind Jahre vergangen, und vieles hat sich verändert. Aber nicht alles.

Was sich verändert hat

Heute sehe ich viele Dinge anders. Wie Projekte aufzuteilen sind. Wie wichtig es ist, schwere Inhalte bewusst ans Team zu geben, damit sich jeder Einzelne beweisen und entwickeln kann. Das ist keine kleine Verschiebung, sondern eine grundlegend andere Haltung im Vergleich zu meiner ersten Führungsrolle. Damals habe ich schwere Inhalte instinktiv zu mir gezogen. Heute weiß ich, dass genau diese schweren Inhalte oft die wertvollsten Entwicklungsmöglichkeiten für mein Team sind, und versuche bewusst, sie abzugeben statt sie zu behalten.

Ein altes Muster, das nicht ganz verschwunden ist

Und trotzdem. Ich ertappe mich immer noch dabei, wie ich direkt in die Erklärschiene gerate, sobald mich ein Mitarbeiter zu einem Projektthema anspricht. Jemand kommt rein, fängt an zu erzählen, und in meinem Kopf läuft schon die Lösung mit. Dieses Muster ist tief verankert. Es braucht keinen bewussten Auslöser, es passiert fast automatisch, sobald ein Thema an mich herangetragen wird.

Der Moment, der mir das deutlich vor Augen geführt hat

Ein Mitarbeiter hat mich genau darauf einmal direkt angesprochen. Er sagte mir offen, er wollte mir nur den Stand zeigen, ohne dass ich eine Lösung dafür liefere. Dieser Satz war knapp, klar, und traf einen Punkt, der mir selbst in diesem Moment nicht bewusst war. Ich war offenbar schon mitten in der Lösungssuche, bevor mein Gegenüber überhaupt fertig erzählt hatte, was eigentlich anlag.

Dieser Moment hat mich kurz getroffen und mir gleichzeitig etwas sehr Wichtiges gezeigt. Es war kein Vorwurf im eigentlichen Sinne, eher eine direkte, unaufgeregte Klarstellung. Aber genau diese Direktheit hat mir mehr geholfen als eine vorsichtig formulierte Rückmeldung es getan hätte. Ich musste nicht raten, was gemeint war. Ich wusste sofort, woran ich war.

Was dieser Moment über Delegieren als Prozess verrät

Delegieren ist kein Zustand, den man einmal erreicht und dann behält. Es ist ein Prozess. Und ein Prozess ist bekanntlich nicht abgeschlossen, sondern entwickelt sich immer weiter. Genau wie ich selbst in diesem Thema. Das ist eine Erkenntnis, die sich einfacher aufschreiben als tatsächlich verinnerlichen lässt. Man würde sich gerne vorstellen, dass man ein Thema wie Delegieren irgendwann einmal vollständig gelernt hat, wie eine Fähigkeit, die man abhakt und danach beherrscht. Die Realität sieht anders aus. Selbst nach Jahren mit einem grundlegend veränderten Verständnis tauchen alte Reflexe wieder auf, oft genau dann, wenn man am wenigsten damit rechnet.

Was mir dieses Feedback konkret gebracht hat, zeige ich in Teil 4 dieser Serie.