Teil 2 einer Serie über eine Philosophie des bewussten Selbst-Kompromisses
Im letzten Teil habe ich beschrieben, wie wir zunächst groß planen und dann bewusst reduzieren, um schnell live gehen zu können. Was in dieser Beschreibung nach einem rein methodischen Vorgehen klingt, fühlt sich in der Praxis anders an. Es ist kein Kompromiss mit dem Markt und auch keiner mit dem Kunden. Es ist ein Kompromiss, den wir als Team mit uns selbst eingehen.
Ein anderer Typ von Kompromiss
Normalerweise denkt man bei einem Kompromiss an eine Situation, in der zwei Parteien mit unterschiedlichen Interessen aufeinandertreffen und sich in der Mitte einigen. Bei uns ist die Ausgangslage anders. Es gibt keine zweite Partei, die uns zur Reduktion zwingt. Der Kunde hat nicht verlangt, dass wir weniger liefern. Der Markt hat keine Deadline gesetzt, die uns zum Kürzen zwingt. Wir reduzieren bewusst unsere eigenen Wünsche und Ansprüche an das Produkt aus eigenem Antrieb, obwohl wir genau wissen, wie das vollständige, durchdachte Produkt aussehen würde.
Das macht diesen Kompromiss auf eine bestimmte Weise schwieriger als einen klassischen Verhandlungskompromiss. Bei einer Verhandlung kann man sich damit trösten, dass die andere Seite eben andere Interessen hatte. Hier gibt es diesen Trost nicht. Wir wissen genau, was uns fehlt, weil wir es selbst geplant haben und entscheiden uns trotzdem bewusst dagegen, es sofort umzusetzen.
Wie sich das im Team tatsächlich anfühlt
Ich will das nicht romantisieren. Es ist kein angenehmes Gefühl, ein durchdachtes Konzept vor sich liegen zu haben und dann große Teile davon bewusst nicht umzusetzen. Gerade wenn viel Denkarbeit in die große Planung geflossen ist, entsteht ein gewisser innerer Widerstand dagegen, Teile davon vorerst beiseitezulegen. Man hat eine Vorstellung davon entwickelt, wie gut das Produkt am Ende sein könnte und muss sich dann selbst bremsen, um früher live zu gehen, als dieses vollständige Bild es eigentlich hergäbe.
Wer an einem Konzept mitgearbeitet hat, entwickelt automatisch einen gewissen Anspruch daran, es in seiner besten Form umzusetzen. Diesen Anspruch bewusst zurückzustellen, erfordert eine Art von Disziplin, die sich von reiner fachlicher Kompetenz unterscheidet. Es ist eine Entscheidung gegen den eigenen unmittelbaren Perfektionsanspruch zugunsten eines längerfristigen Nutzens.
Warum wir uns trotzdem dafür entscheiden
Der Grund, warum wir diesen Weg immer wieder gehen, liegt im eigentlichen Ziel dahinter: echte Erfahrung sammeln, statt lange an einem theoretisch perfekten Konzept festzuhalten. Ein durchdachtes Produkt, das erst in einem Jahr live geht, liefert keine einzige echte Rückmeldung, bis es tatsächlich am Markt ist. Ein reduziertes Produkt, das in wenigen Wochen live geht, liefert dagegen sofort Erfahrungen wie Kunden tatsächlich reagieren, was funktioniert, was nicht.
Diese Erfahrung ist für uns wertvoller als die Gewissheit, ein vollständig durchdachtes Produkt vor sich zu haben, das noch nie mit echten Kunden in Kontakt war. Der Kompromiss mit uns selbst ist also kein Selbstzweck, sondern die bewusste Entscheidung, kurzfristige Unvollständigkeit gegen langfristige Erkenntnis einzutauschen.
Warum das dennoch ein echter Kompromiss bleibt
Ich will an dieser Stelle nicht so tun, als würde diese Logik das Gefühl komplett auflösen. Auch wenn wir den Sinn dahinter verstehen und ihn uns immer wieder bewusst machen, bleibt es ein echter Kompromiss mit dem sich anfühlenden Verzicht, den ein Kompromiss eben mit sich bringt. Man kann eine Entscheidung rational für richtig halten und trotzdem spüren, dass man dabei etwas zurückstellt, das einem wichtig war.
Vielleicht ist genau das der ehrlichste Teil dieser Philosophie: Sie funktioniert nicht, weil sie sich leicht anfühlt, sondern weil wir bereit sind, dieses Gefühl bewusst auszuhalten, um am Ende etwas Wertvolleres zu bekommen echte Erfahrung statt theoretischer Vollständigkeit.

