Teil 1 einer Serie über eine Philosophie des bewussten Selbst-Kompromisses
Wenn wir ein neues Konzept entwickeln, beginnen wir fast nie klein. Wir planen groß. Wir denken das Produkt zunächst in seinem vollen Umfang mit allem, was es aus unserer Sicht am Ende können sollte. Und dann, im Entstehungsprozess, tun wir etwas, das auf den ersten Blick widersprüchlich klingt: Wir kürzen es gezielt zusammen, um so schnell wie möglich live gehen zu können.
Die Gegen-Intuition, die sich dahinter verbirgt
Wenn das Ziel ohnehin ist, klein und schnell zu starten, warum dann überhaupt erst groß planen? Wäre es nicht effizienter, gleich von Anfang an nur das Nötigste zu entwerfen und sich den Rest zu sparen?
Genau diese Frage habe ich mir am Anfang selbst gestellt, bevor ich verstanden habe, warum der Umweg über die große Planung tatsächlich Sinn ergibt. Der Grund liegt darin, dass man erst wissen muss, wie das vollständige Bild aussehen könnte, bevor man sinnvoll entscheiden kann, was davon für den Start tatsächlich unverzichtbar ist und was warten muss. Ohne die große Planung würde man im Dunkeln kürzen. Mit ihr kürzt man mit vollem Bewusstsein dafür, was man gerade zurückstellt.
Wie der Prozess bei uns konkret abläuft
Am Anfang eines neuen Konzepts steht bei uns also immer der größere Wurf. Wir denken durch, was das Produkt in seiner ausgereiften Form leisten soll, welche Funktionen dazugehören, welche Details am Ende den Unterschied machen würden. Diese Phase ist wichtig, auch wenn ein großer Teil davon am Ende nicht sofort umgesetzt wird sie gibt uns die Landkarte, auf der wir uns später bewusst bewegen können.
Im Laufe der Entstehung beginnt dann der eigentliche Reduktionsprozess. Wir schauen uns die geplante Version an und stellen die Frage: Was davon brauchen wir wirklich, um live zu gehen und echte Erfahrungen zu sammeln und was können wir vorerst weglassen, ohne das Grundprinzip des Produkts zu gefährden? Das Ergebnis ist meistens ein deutlich reduziertes erstes Produkt, das aber bewusst reduziert ist, nicht zufällig unvollständig.
Warum wir nach diesem Ansatz bereits mehrere Konzepte entwickelt haben
Dieses Vorgehen ist bei uns inzwischen kein Einzelfall, sondern ein wiederkehrendes Muster. Wir haben nach diesem Ansatz bereits mehrere Konzepte entwickelt und gelauncht nicht, weil es der bequemste Weg wäre, sondern weil er sich in der Praxis immer wieder bewährt hat. Jedes Mal beginnt der Prozess mit derselben großen Frage: Wie sähe die vollständige Version aus? Und jedes Mal folgt darauf dieselbe bewusste Reduktion: Was reicht, um jetzt schon live zu gehen?
Der eigentliche Sinn hinter dem scheinbaren Umweg
Was diesen Ansatz für mich von einer reinen „schnell starten“-Mentalität unterscheidet, ist genau dieser erste Schritt der großen Planung. Er sorgt dafür, dass die spätere Reduktion kein Zufallsprodukt ist, sondern eine bewusste Entscheidung. Wir wissen bei jedem gestrichenen Feature genau, warum es (noch) nicht Teil der ersten Version ist und wir wissen auch, wo es im größeren Bild hinführt, wenn es irgendwann kommt.
Dieser Umweg über die große Planung kostet zunächst Zeit, die man auf den ersten Blick auch hätte sparen können. Aber er zahlt sich in der Klarheit aus, mit der wir später reduzieren können und genau diese Klarheit ist es, die den eigentlichen Unterschied macht zwischen einem Produkt, das aus Zeitdruck unvollständig bleibt, und einem Produkt, das bewusst schlank gestartet wird.
Was diese bewusste Reduktion für uns als Team tatsächlich bedeutet und warum sie sich manchmal wie ein Kompromiss mit uns selbst anfühlt dazu mehr im nächsten Teil.

