Teil 3 einer Serie über eine Philosophie des bewussten Selbst-Kompromisses
In Teil 2 habe ich beschrieben, wie es sich anfühlt, eigene durchdachte Ideen bewusst zurückzustellen, um früher live gehen zu können. Was in diesem Moment oft wie ein endgültiger Verzicht wirkt, ist bei uns tatsächlich etwas anderes. Es ist ein zeitlicher Verzicht, kein endgültiger.
Wohin die gestrichenen Ideen tatsächlich gehen
Wenn wir während der Entstehung eines Konzepts entscheiden, dass eine Funktion, ein Detail oder eine Verfeinerung nicht Teil der ersten Version sein wird, verschwindet diese Idee nicht einfach. Sie landet auf einer Art gedanklicher „Nice to have“-Liste. Diese Liste ist kein Ort, an dem Ideen begraben werden sie ist eher ein Wartebereich. Alles, was dort landet, bleibt sichtbar, bleibt dokumentiert, bleibt Teil des ursprünglichen großen Plans, den wir am Anfang entworfen hatten.
Das ist ein wichtiger Unterschied zu dem, was viele mit einem klassischen MVP-Ansatz assoziieren: die Vorstellung, dass man für den schnellen Start dauerhaft auf bestimmte Funktionen verzichtet, weil sie eben „nicht nötig“ waren. Bei uns ist die Logik eine andere. Wir verzichten nicht, weil wir die Idee für überflüssig halten. Wir verzichten, weil sie für den ersten Schritt nicht notwendig ist der Unterschied zwischen „überflüssig“ und „momentan nicht notwendig“ ist entscheidend.
Der Rückweg: nach der ersten Debugging-Phase
Was mit den Punkten auf dieser Liste passiert, ist der eigentliche Kern dieser Philosophie: Sie werden im Nachgang, nach der ersten Debugging-Phase, integriert und erweitert. Sobald das reduzierte Produkt live ist, sobald die ersten technischen Kinderkrankheiten behoben sind und sich ein stabiler Zustand eingestellt hat, beginnt die zweite Phase, das gezielte Nachrüsten dessen, was ursprünglich zurückgestellt wurde.
Das bedeutet: Der Moment des Verzichts aus Teil 2 ist keine Endstation, sondern eine Zwischenstation. Was als Kompromiss mit uns selbst begonnen hat, wird später wieder aufgelöst nicht komplett, aber schrittweise, gezielt, und mit dem zusätzlichen Wissen, das wir durch die echte Nutzung inzwischen gesammelt haben.
Warum diese zweite Phase besser informiert ist als die erste
Hier zeigt sich ein interessanter Nebeneffekt dieses Vorgehens. Wenn wir die Nice-to-have-Punkte in der zweiten Phase wieder aufgreifen, tun wir das nicht mehr auf Basis der reinen ursprünglichen Planung. Wir haben inzwischen echte Erfahrung mit dem Produkt gesammelt wissen, wie Kunden tatsächlich damit umgehen, welche Probleme in der Praxis tatsächlich auftreten, welche der ursprünglich geplanten Funktionen sich im Nachhinein als wichtiger oder unwichtiger herausstellen, als wir am Anfang angenommen hatten.
Das bedeutet: Die Reihenfolge, in der wir die zurückgestellten Punkte wieder aufgreifen, orientiert sich nicht mehr nur an der ursprünglichen Planung, sondern zusätzlich an dem, was die echte Nutzung uns gezeigt hat. Manche Punkte, die wir am Anfang für wichtig hielten, rutschen dadurch weiter nach hinten. Andere, an die wir zu Beginn kaum gedacht hätten, rücken plötzlich nach vorne, weil sich in der Praxis ein echter Bedarf gezeigt hat.
Warum das dem MVP-Ansatz das übliche Klischee nimmt
Viele verbinden mit dem Minimum-Viable-Product-Gedanken die Vorstellung eines dauerhaften Abstrichs man startet klein und bleibt im Zweifel auch klein, weil das Tagesgeschäft irgendwann wieder alle Kapazitäten beansprucht. Bei uns ist das anders, weil die Nice-to-have-Liste ein aktiv gepflegter Bestandteil unseres Prozesses ist, kein vergessener Anhang. Wir verzichten zeitlich, nicht endgültig und genau diese Unterscheidung macht für mich den entscheidenden Unterschied zwischen einem Produkt, das aus Zeitdruck unvollständig bleibt, und einem Produkt, das bewusst in Phasen wächst.

