Teil 4, der Abschluss einer Serie über eine Philosophie des bewussten Selbst-Kompromisses
In den letzten drei Teilen habe ich beschrieben, wie wir erst groß planen, dann bewusst reduzieren, wie sich dieser Kompromiss mit uns selbst anfühlt und wie die zurückgestellten Ideen später wieder zurückkommen. Zeit für die eigentliche Frage: Hat sich dieser ganze, Weg am Ende gelohnt?
Die kurze Antwort: mehrfach
Wir haben nach diesem Ansatz bereits mehrere Konzepte entwickelt und gelauncht. Und jedes Mal hat sich derselbe Effekt gezeigt: Der frühere Launch mit weniger Funktionen hat uns etwas gegeben, das kein noch so durchdachtes Konzept auf dem Papier je liefern könnte echte Erfahrung mit echten Kunden, echten Nutzungsmustern, echten Problemen, die man vorher schlicht nicht vorhersehen kann.
Warum ein perfektes Konzept trotzdem blind bleibt
Das Verführerische an einem vollständig durchdachten Konzept ist das Gefühl von Sicherheit, das es vermittelt. Man hat alles bedacht, jede Funktion sauber geplant, jeden Anwendungsfall theoretisch durchgespielt. Aber genau dieses Gefühl von Sicherheit ist trügerisch, solange das Produkt noch keinen einzigen echten Kontakt mit der Realität hatte.
Ein Konzept, egal wie durchdacht, bleibt eine Annahme darüber, was Kunden wollen und wie sie sich verhalten werden. Erst der echte Kontakt mit echten Nutzern zeigt, welche dieser Annahmen zutreffen und welche nicht. Und dieser Moment der Wahrheit lässt sich nicht vorwegnehmen, egal wie viel Zeit man in die Planung investiert. Man kann ihn nur früher oder später erreichen und wir haben uns bewusst für früher entschieden.
Was das in der Praxis bedeutet
Wenn wir mit einer reduzierten ersten Version live gehen, bekommen wir innerhalb kurzer Zeit Rückmeldungen, für die ein vollständig durchgeplantes Produkt Monate gebraucht hätte, um überhaupt an den Punkt zu kommen, an dem es diese Rückmeldungen einsammeln kann. Diese frühe Erfahrung fließt dann direkt in die zweite Phase ein in genau die Reihenfolge, mit der wir die Nice-to-have-Punkte aus Teil 3 wieder aufgreifen.
Ein konkretes Beispiel
Bei einem unserer letzten Markenprojekte hatten wir ursprünglich zwei größere Bausteine geplant: einen Upselling-Funnel und einen intuitiven Konfigurator, mit dem Kunden ihr Produkt individuell zusammenstellen können. Beides waren Ideen, von denen wir überzeugt waren und beide hätten den Launch unnötig in die Länge gezogen, wenn wir sie von Anfang an umgesetzt hätten.
Weil wir schnell live gehen wollten, haben wir einen Bausteine gestrichen beziehungsweise auf „on hold“ gesetzt. Das war genau der Moment aus Teil 2, in dem sich der Kompromiss mit uns selbst am deutlichsten zeigte wir wussten genau, was wir zurückstellten, und mussten es trotzdem tun. Das Produkt ging ohne Funnel live.
Nach dem Launch und der ersten Debugging-Phase haben wir dann genau das nachgeliefert, was ursprünglich fehlte. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir bereits echte Nutzungsdaten und ein besseres Gefühl dafür, wie das Produkt tatsächlich bei den Kunden ankommt wodurch sich sowohl der Funnel gezielter umsetzen ließ.
Ohne diesen frühen Realitätstest würden wir diese Reihenfolge allein auf Basis unserer eigenen, internen Einschätzung festlegen. Mit ihm bekommen wir eine zusätzliche, verlässlichere Informationsquelle: die tatsächliche Nutzung. Das führt regelmäßig dazu, dass wir Prioritäten anders setzen, als wir es ohne diese Erfahrung getan hätten und genau das ist der eigentliche Mehrwert, der sich über alle Konzepte hinweg wiederholt hat.
Warum sich der Kompromiss aus der Rückschau lohnt
Ich hatte in Teil 2 beschrieben, wie sich der Kompromiss mit uns selbst im Moment des Verzichtens anfühlt. Aus der Rückschau, nachdem ein Konzept erfolgreich live gegangen ist und die zweite Phase begonnen hat, relativiert sich dieses Gefühl. Man sieht dann, dass der frühere, unvollständigere Launch nicht der Preis für einen schlechteren Endzustand war, sondern der Weg zu einem besser informierten Endzustand.
Das ist, glaube ich, der eigentliche Kern dieser Philosophie: Perfektion auf dem Papier ist kein Ersatz für echte Erfahrung in der Praxis. Ein Konzept mag noch so ausgereift wirken solange es keinen Kontakt mit echten Nutzern hatte, bleibt es eine Vermutung. Ein reduziertes, aber lebendiges Produkt, das früh echten Kontakt mit der Realität bekommt, liefert etwas, das keine Planung ersetzen kann.

