Von der naiven zur gezielten Frage


Wie sich eine Lernkurve anfühlt, wenn man sie tatsächlich durchläuft


„Erklär es mir einfacher?“ Diesen Satz habe ich am Anfang meiner Zeit in diesem Team wahrscheinlich häufiger gesagt als jeden anderen. Er war nicht elegant. Er war nicht das, was man sich von jemandem in einer Führungsposition vorstellt, der eigentlich Orientierung geben soll. Aber er war ehrlich und im Rückblick der Ausgangspunkt für eine Entwicklung, die ich gerne als eigenständige Geschichte erzähle.

Der Anfang: fünf Sprachen, null Wortschatz

Als ich anfing, ein Team aus Designern, Textern, einem Translation-Manager, Entwicklern und Support-Mitarbeitern zu führen, hatte ich in keiner dieser Disziplinen wirklich Fachwissen. Ich saß in Meetings, in denen Begriffe fielen, die für die jeweilige Fachperson selbstverständlich waren und für mich zunächst wie eine Fremdsprache klangen. „Eng“ beim Designer. „Verschiebt sich“ beim Entwickler. „Bricht um“ beim Texter. Jedes dieser Wörter transportierte eine ganze fachliche Logik und Konsequenz, die ich nicht unbedingt auf dem Schirm hatte.

Die naheliegende Reaktion wäre gewesen, so zu tun, als würde ich verstehen. Mitnicken, den Kontext irgendwie erraten, im Zweifel später nachschauen. Ich habe mich bewusst dagegen entschieden. Stattdessen habe ich gefragt. Immer wieder. „Was heißt das jetzt konkret?“ auch dann, wenn ich befürchtete, dass die Frage naiv klingen könnte.

Warum ich mir dafür nie zu schade war

Das war keine selbstverständliche Entscheidung. Es gibt in einer Führungsrolle eine ständige, leise Versuchung, kompetenter zu wirken, als man sich fühlt. Eine einfache Frage in einer Fachrunde zu stellen, fühlt sich manchmal an wie ein Eingeständnis von Schwäche. Ich habe diese Versuchung immer wieder abgewogen und mich jedes Mal für die Frage entschieden, statt für den Anschein von Verständnis.

Der Grund dafür war letztlich pragmatisch: Eine falsche Entscheidung auf Basis eines Missverständnisses wiegt schwerer als eine unbequeme Frage im Meeting. Wenn ich „eng“ beim Designer nicht wirklich verstanden hätte, hätte ich womöglich eine Entscheidung getroffen, die das eigentliche Problem gar nicht löst. Die kurzfristige Unbequemlichkeit einer Nachfrage war für mich immer kleiner als das langfristige Risiko einer schlechten Entscheidung.

Die vielen kleinen Wiederholungen

Was diese Phase im Rückblick besonders macht, ist nicht ein einzelner Aha-Moment, sondern die schiere Wiederholung. Nicht eine Frage, sondern Dutzende, über viele Monate hinweg, in immer neuen Situationen. Jede einzelne dieser Fragen für sich betrachtet wirkte unspektakulär, eine kurze Verständnisfrage, eine knappe Antwort, weiter im Meeting. Aber in der Summe haben diese vielen kleinen Momente etwas aufgebaut, das ich vorher nicht hatte: ein tatsächliches Verständnis dafür, wie die einzelnen Fachbereiche denken.

Der Übergang: wenn aus „was heißt das“ ein Gespür wird

Irgendwann, ich könnte nicht genau sagen, an welchem Tag veränderte sich etwas an meiner Rolle in diesen Meetings. Ich musste nicht mehr bei jedem Fachbegriff nachfragen, weil ich die dahinterliegende Logik inzwischen kannte. Aber die eigentliche Veränderung ging noch weiter: Ich konnte anfangen, vorauszudenken. Wenn der Designer eine bestimmte Formulierung wählte, ahnte ich schon, welche Rückfrage vom Entwickler kommen könnte. Wenn der Texter einen Vorbehalt äußerte, wusste ich bereits, wie sich das auf die Übersetzung auswirken würde.

Das ist der eigentliche Unterschied zwischen der naiven und der gezielten Frage. Am Anfang fragte ich, um überhaupt zu verstehen, wovon gerade die Rede war. Heute frage ich anders. Gezielter, oft schon mit einer Vermutung im Hinterkopf, wo ein Konflikt entstehen könnte, bevor er ausgesprochen ist. Die Frage ist nicht mehr „was heißt das“, sondern eher „wird das an dieser Stelle zu einem Problem werden“ eine Frage, die man nur stellen kann, wenn man die jeweilige Fachlogik längst verinnerlicht hat.

Fließend spreche ich die Sprachen trotzdem nicht

Ich will diese Entwicklung nicht größer machen, als sie ist. Ich bin dadurch nicht selbst zum Entwickler oder Translation-Manager geworden. Ich spreche diese Sprachen immer noch nicht fließend aber ich verstehe sie gut genug, um zwischen ihnen zu vermitteln, Konflikte vorherzusehen und Entscheidungen zu treffen, die nicht an einem grundlegenden Missverständnis scheitern.

Was diese Geschichte für mich bedeutet

Wenn ich zurückblicke, ist diese Lernkurve für mich eine der unterschätzten Erfolgsgeschichten meiner eigenen Entwicklung, gerade weil sie so unspektakulär verlief. Es gab keinen einzelnen Moment der Erleuchtung, sondern eine lange Kette aus kleinen, manchmal unbequemen Fragen, die ich mir erlaubt habe zu stellen, obwohl sie nicht immer souverän wirkten.