Über den Weg von ständiger Erreichbarkeit zu einem Team, das eigenständig entscheidet
Es gab eine Zeit, in der ein Urlaub bei mir immer zwei Kosten hatte. Die Überstunden davor, um alles abzusichern. Und die Erreichbarkeit währenddessen, weil ich mich als einzige verlässliche Entscheidungsinstanz verstanden habe. Beides zusammen bedeutete, dass Urlaub für mich nie wirklich Urlaub war. Selbst am Strand oder auf einer Wanderung lief im Hintergrund immer ein Gedanke mit, ob gerade irgendwo eine Entscheidung ansteht, die nur ich treffen kann.
Eine Frage von Struktur, nicht von Engagement
Aus heutiger Sicht war das keine Frage von Engagement, sondern eine Frage von Struktur. Damals hätte ich diese ständige Erreichbarkeit vermutlich als Zeichen von Verantwortungsbewusstsein verstanden. Ich war eben jemand, der sich kümmert, der nicht einfach abschaltet, der für sein Team da ist. Diese Selbstbeschreibung fühlte sich lange richtig an.
Heute sehe ich das anders. Wenn eine Abteilung nur so lange funktioniert, wie eine einzelne Person erreichbar ist, ist das kein People-Problem. Es ist ein Organisationsrisiko. Diese Umdeutung war für mich entscheidend. Ein Organisationsrisiko lässt sich nicht durch noch mehr persönlichen Einsatz lösen, im Gegenteil, mehr Einsatz von meiner Seite hätte das Risiko sogar verstärkt, weil sich die Abhängigkeit von mir als Person dadurch nur weiter vertieft hätte. Gelöst werden musste es durch etwas anderes: durch den bewussten Aufbau von Strukturen, die nicht an eine einzelne Person gebunden sind.
Das eigentliche Ziel
Deshalb arbeite ich seit Jahren konsequent an einem anderen Ziel. Mein Team soll Leistung auf demselben Niveau bewerten und entscheiden können, das ich selbst anlegen würde. Es geht nicht darum, dass mein Team irgendwie zurechtkommt, wenn ich nicht da bin. Es geht darum, dass Entscheidungen in meiner Abwesenheit genauso gut getroffen werden, wie ich sie selbst treffen würde.
Konkret bedeutet das: Projekte eigenständig fortführen. Features eigenständig priorisieren. Die Logik hinter einem schnellen Start und einem schlanken Umfang verstehen, nicht nur ausführen. Dieser letzte Punkt ist mir besonders wichtig. Es reicht nicht, wenn mein Team eine von mir vorgegebene Regel befolgt. Es muss verstehen, warum diese Vorgabe überhaupt sinnvoll ist, damit es in neuen, von mir nicht vorhergesehenen Situationen im Sinne dieser Logik selbst entscheiden kann.
Wie diese Eigenständigkeit tatsächlich entsteht
Das entsteht nicht zufällig. Eigenständigkeit auf diesem Niveau ist kein Zustand, der sich einfach einstellt, wenn man dem Team nur genug Freiraum lässt. Sie muss aktiv aufgebaut werden, mit konkreten Maßnahmen.
Ich plane die Meilensteine fürs Jahr im Voraus, damit jeder im Team die Ziele und deren Gewichtung kennt, bevor Entscheidungen unter Zeitdruck getroffen werden müssen. Diese Vorausplanung ist ein entscheidender Baustein. Wenn eine Entscheidung plötzlich unter Druck ansteht, ist es zu spät, um noch grundlegend zu erklären, welche Ziele gerade Priorität haben. Diese Klarheit muss schon vorher vorhanden sein, damit sie im entscheidenden Moment einfach abrufbar ist.
Verantwortung wird bei uns explizit zugesprochen, nicht implizit vorausgesetzt. Es reicht nicht, dass eine Verantwortung irgendwo formal existiert. Sie muss ausgesprochen werden, damit sie im Kopf der jeweiligen Person tatsächlich ankommt. Ein einfacher, aber laut ausgesprochener Satz wie Du bist der Designer, Du bist die Managerin erzeugt eine klare Erwartungshaltung, an der sich Menschen orientieren können. Dieser Satz ist bewusst kurz und direkt gehalten. Er lässt keinen Interpretationsspielraum darüber, wer in diesem Moment die Entscheidung trifft.
Ein schrittweiser, kein plötzlicher Prozess
Dieser Aufbau erfolgt schrittweise. Kleine, verkraftbare Verantwortungsschritte, keine Überforderung, bis Eigenständigkeit zur Selbstverständlichkeit wird. Das ist mir wichtig zu betonen, weil der Eindruck entstehen könnte, ich hätte meinem Team einfach von einem Tag auf den anderen mehr Verantwortung übertragen und gehofft, dass es funktioniert. So war es nicht. Jeder neue Verantwortungsschritt war überschaubar genug, um nicht zur Überforderung zu werden, aber groß genug, um tatsächlich eine echte Entwicklung anzustoßen. Über viele solcher Schritte hinweg wird aus anfänglicher Unsicherheit echte Routine, und aus Routine wird schließlich Selbstverständlichkeit.
Der Satz, der das Ergebnis zusammenfasst
Das Ergebnis lässt sich für mich in einem Satz zusammenfassen, den ich heute vor jedem Urlaub sage. Ruf mich nicht an, löst das Problem selbst, deine Entscheidung ist genauso gut wie meine.
Dieser Satz ist für mich mehr als eine freundliche Verabschiedung vor dem Urlaub. Er ist das sichtbare Ergebnis eines langen, bewussten Aufbaus.

