Root Cause statt Ich finde


Teil 3 einer Serie über den Wandel meines Selbstbilds


Im letzten Teil habe ich den Fuchsbau beschrieben, in den ich immer tiefer hineingeraten bin. Jetzt geht es um den Punkt in diesem Fuchsbau, an dem sich mein Denken tatsächlich grundlegend verändert hat.

Der Einstieg über Projektmanagement

Der Wendepunkt war die Beschäftigung mit Projektmanagement und Prozessmanagement. Was zunächst wie ein weiteres praktisches Werkzeug wirkte, entpuppte sich als Tür zu einem völlig neuen Denkansatz. Projekte und Prozesse strukturiert zu betrachten bedeutet, in Abläufen zu denken, in Ursachen und Wirkungen, statt in einzelnen, für sich stehenden Ideen.

Von hier aus führte der Weg fast von selbst weiter. Ich kam darüber zu Analytics, zu Data Studio und zu Excel mit Power Query, was mich vollständig in seinen Bann gezogen hat. Zahlen, die vorher nur Zahlen waren, begannen plötzlich, Geschichten zu erzählen. Muster, die sich über viele einzelne Datenpunkte hinweg zeigten, ließen sich sichtbar machen, verstehen, für Entscheidungen nutzen.

Der Moment, in dem es endgültig um mich geschehen war

Ich kam zusätzlich mit Algorithmen in Berührung, und danach war es endgültig um mich geschehen. Ich war kein klassischer Gestalter mehr. Dieser Satz ist für mich bis heute der Kern dieser ganzen Entwicklung. Er markiert den Punkt, an dem sich zwei völlig unterschiedliche Denkweisen nicht mehr nebeneinander halten ließen, sondern eine die andere tatsächlich abgelöst hat.

Ein klassischer Gestalter trifft Entscheidungen aus einem inneren Gefühl heraus, aus Geschmack, aus einer persönlichen Vorstellung davon, was gut aussieht oder gut funktioniert. Genau dieses Fundament begann sich unter mir zu verschieben, ohne dass ich es aktiv angestrebt hätte.

Vom Ich finde zur Root Cause

Ich interessierte mich danach für Root Cause Analyse und beschäftigte mich mit dem Pareto-Prinzip. Beide Konzepte drehen sich im Kern um dieselbe Frage: Was ist die tatsächliche Ursache eines Problems, und welche wenigen Faktoren erklären den größten Teil einer Wirkung. Diese Fragen sind das genaue Gegenteil einer intuitiven, gestalterischen Entscheidung. Sie verlangen, eine Vermutung so lange zu hinterfragen, bis sie sich entweder durch Daten bestätigt oder widerlegt.

Design bedeutete für mich danach etwas anderes als vorher. Es bedeutete Usability anhand von Nutzersignalen, statt aus einem persönlichen Ich finde heraus zu gestalten oder zu entscheiden. Dieser Unterschied klingt auf den ersten Blick nach einer kleinen Verschiebung, ist aber tatsächlich ein fundamentaler Bruch mit der Art, wie ich vorher gedacht habe. Ich denke jetzt in Nutzenden mit Zielen und möglichen Wünschen, statt in meiner eigenen ästhetischen Überzeugung.

Ich war kein klassischer Gestalter mehr. Wenn ich diesen Satz heute lese, merke ich, wie viel darin steckt. Er beschreibt keinen graduellen Übergang, sondern einen Bruch mit einer Identität, die ich in Teil 1 dieser Serie als fest und unveränderlich beschrieben hatte. Zu dem Zeitpunkt, an dem ich meinen Weg als Kreativer begann, hätte ich diesen Satz vermutlich als Widerspruch zu allem empfunden, was ich über mich selbst wusste. Und doch war genau das die Richtung, in die mich der Fuchsbau aus Teil 2 geführt hat.

Warum dieser Satz so viel Gewicht trägt

Was diesen Wandel schließlich in Worte gefasst hat, und welches Buch mir dabei geholfen hat, mein neues Selbstverständnis einzuordnen, zeige ich im nächsten Teil.