Was ich selbst dabei gelernt habe


Teil 4, der Abschluss einer Serie über meine monatlichen 1:1-Gespräche


In den letzten drei Teilen habe ich beschrieben, wie sich meine monatlichen 1:1-Gespräche von einer künstlich wirkenden ersten Runde zu einem Format entwickelt haben, das mein Team inzwischen selbst mit Leben füllt. Zum Abschluss dieser Serie geht es mir um eine Frage, die ich mir selbst erst spät gestellt habe: Wer hat eigentlich mehr von diesen Gesprächen profitiert, mein Team oder ich?

Eine Bühne für das Team

Der ursprüngliche Zweck des Formats war klar: Ich wollte meinem Team rechtzeitig eine Bühne geben, um Wünsche, Feedback und Probleme zu teilen, bevor sie sich zu größeren Themen aufstauen oder ungehört bleiben. Diesen Zweck hat das Format, wie in Teil 3 beschrieben, erfüllt. Menschen in meinem Team nutzen diesen geschützten Raum inzwischen aktiv, bringen eigene Themen mit, statt zu warten, bis ein Anliegen dringend genug wird, um es zwischen Tür und Angel anzusprechen.

Das allein wäre schon ein gutes Ergebnis. Aber ich habe im Laufe der Zeit gemerkt, dass ich diesen Effekt nur zur Hälfte richtig eingeschätzt hatte.

Was ich selbst mitgenommen habe

Ich konnte durch diese Gespräche selbst viel dazulernen. Das war für mich am Anfang keine bewusste Erwartung, ich hatte das Format als Angebot an mein Team konzipiert, nicht als Lerninstrument für mich selbst. Aber genau das ist es im Laufe der Zeit auch geworden.

In diesen Einzelgesprächen bekomme ich einen Einblick, den ich im normalen Tagesgeschäft so nie bekommen würde. Sie erzählen in einem geschützten 1:1 anders, offener, differenzierter, als sie es in einer Gruppenrunde oder einem kurzen Daily tun würden. Dadurch verstehe ich besser, wie einzelne Teamkollegen tatsächlich denken, was sie beschäftigt, wo ihre Stärken liegen, die im Tagesgeschäft vielleicht nicht sichtbar werden, und wo Unsicherheiten bestehen, die ich sonst übersehen hätte.

Stimmung frühzeitig erkennen

Ein besonders wertvoller Effekt: Das Format hilft mir, die Stimmung im Team frühzeitig abzufragen. Nicht die offensichtliche, laute Stimmung, die man auch ohne besonderes Format mitbekommt, sondern die leiseren Signale, eine aufkeimende Unzufriedenheit, eine Überlastung, die noch nicht offen ausgesprochen wird, eine Idee, die jemand noch nicht für „reif genug“ hält, um sie in einer größeren Runde vorzustellen.

Diese frühzeitige Wahrnehmung gibt mir die Möglichkeit, rechtzeitig nachzujustieren, statt erst dann zu reagieren, wenn ein Thema bereits zu einem echten Problem geworden ist. Genau darin sehe ich inzwischen einen der größten praktischen Werte dieses Formats, nicht nur als Zuhör-Gelegenheit, sondern als eine Art Frühwarnsystem, das mir hilft, im richtigen Moment zu handeln, statt zu spät.

Vom künstlichen Anfang zum echten Werkzeug

Wenn ich die ganze Serie zusammenfasse: Ich habe mit einem Format begonnen, das sich in der ersten Runde gestellt und unnatürlich anfühlte. Ich habe es aus einer strukturellen Überzeugung heraus trotzdem weitergeführt, weil es eine echte Lücke zwischen unseren täglichen Abstimmungen schließen sollte. Ich habe erlebt, wie sich das Format von einem durch mich aktiv gesteuerten Termin zu einer Bühne entwickelt hat, die mein Team selbst nutzt. Und ich habe am Ende festgestellt, dass ich selbst mindestens genauso viel aus diesen Gesprächen mitgenommen habe wie mein Team.

Das ist für mich die Lektion dieser ganzen Geschichte: Ein Format, das sich am Anfang unbeholfen anfühlt, kann sich zu einem der wertvollsten Werkzeuge in der eigenen Führungsarbeit entwickeln, wenn man bereit ist, über die anfängliche Künstlichkeit hinwegzusehen und dem Format Zeit zu geben, sich zu etwas Eigenem zu entwickeln.